Nicht nur Calais ist berühmt für französische Spitze, auch das kleinere Caudry ist von der Spitzenindustrie geprägt. Die Geschichte und Herstellung der französischen Spitze wird sehr anschaulich im Spitzenmuseum in Caudry – dem Musée des Dentelles et Broderies dargestellt.

Das Spitzenmuseum in Caudry in Frankreich
Das Spitzenmuseum in Caudry im Norden Frankreichs


Französische Spitze aus Caudry

 

Caudry ist eine kleine Stadt mit knapp 15.000 Einwohnern im Norden Frankreichs in der Region Hauts-de-France, nahe der Stadt Cambrai. Dieses Gebiet – die Cambrésis war schon Ende des Mittelalters berühmt für seine feinen Baptiste – ein sehr feines Leinen.

Mit dem Aufkommen der Baumwolle kamen die ersten extern angetriebenen Webstühle (Power Looms)¹ aus England 1790 nach Caudry, darunter auch solche für (locker) gewebten „Tüll“.

Nur 50 Jahre später – um 1840 – wird die erste Bobinet-Tüll-Maschine aus England (Erfinder John Heathcot 1808) von den Brüdern Toflin in Caudry aufgebaut. Und um 1865 wurde die in Mode gekommene Nadelspitze (Guipure) in Caudry mit Bobinet-Tüll kombiniert. Allerdings litt Caudry in dieser Zeit stark unter den Einschnitten beim Freihandel mit England.

Einblick in die Geschichte der Spitze von Caudry
Einblick in die Geschichte der Spitze von Caudry im Museum

Erst ab 1880 begann die Blütezeit von Caudry. Immer mehr Firmen produzierten Spitze, nun auf Bobinet-Maschinen, die mit einer Lochkartensteuerung von Jacquard ausgestattet wurden, welche zuvor schon auf Webmaschinen zur Generierung von Mustern zum Einsatz kam. Diese Maschinen wurden als erstes von Leavers in England gefertigt und gaben dem bis dato geometrischen Tüll nun ein eigenes Muster – der Beginn der sog. Bobinet-Spitze².

Caudry entwickelte sich schnell – zur Spitzenproduktion hinzu kam die Errichtung zahlreicher Nebengewerke wie Designzeichner, Ausbesserer, Appretur- und Färbeanstalten.

Die Spitze von Caudry wurde hauptsächlich exportiert und bescherte der Stadt einen ungewöhnlichen Reichtum. Ab 1900 kam als weiterer Produktionszweig die mechanische Stickerei hinzu. Man produzierte wie in Plauen – wenn auch in kleinerem Maßstab – ebenso Stickereien auf Bobinet-Tüll, Bobinet-Tülle und Bobinet-Spitzen.

Kurz vor dem ersten Weltkrieg standen in Caudry genauso viele Bobinet-Maschinen wie Stickmaschinen. Auch sächsische Maschinenbauer lieferten Ihre Maschinen nach Caudry: die VOMAG Plauen vorwiegend Stickmaschinen, Kappel in Chemnitz³  Bobinet-Maschinen und Stickmaschinen.

Das Spitzenmuseum in Caudry in Frankreich - Maschinen zur Herstellung der französischen Spitze
Maschinen im Museum zur Herstellung der französischen Spitze (hier: Leavers, England)

 

Eine wechselhafte Geschichte

 

Schon kurz nach Beginn des ersten Weltkrieges fielen die deutschen Soldaten in Caudry ein und zerstörten zahlreiche Maschinen aber auch wichtige Unterlagen. Dank der Reparationsleistungen konnten die Schäden nach dem Krieg relativ schnell beseitigt werden und Glück im Unglück – alte Maschinen konnten durch leistungsfähigere neue Maschinen ersetzt werden.

Caudry war endgültig in die erste Liga der spitzenproduzierenden Städte aufgestiegen. Weltwirtschaftskrise und der zweite Weltkrieg unterbrachen den Boom. Aber noch während des zweiten Weltkrieges und trotz deutscher Besatzung produzierte man ab 1943 bereits erste hochfeine Nylontülle auf den Bobinet-Maschinen.

Nach dem zweiten Weltkrieg folgt eine wechselhafte Zeit für die Spitzenindustrie, die zur Schließung zahlreicher Fabriken führte.

Heute produzieren nur noch 6 Firmen in Caudry Spitze. Während sich Calais vorwiegend auf Dessous spezialisiert hat, steht Caudry für die Mode in Oberbekleidung. Die Fertigung erfolgt aber nur noch zum Bruchteil auf den alten Leavers- oder Kappel-Maschinen. Die Masse wird auf schnell laufenden Raschel- und Wirkmaschinen (Textronic, Jacquardtronic) produziert, Stickmaschinen sind in Caudry heute unbedeutend.

Das Spitzenmuseum in Caudry in Frankreich - französische Spitze
Französische Spitze

Einen großen Aufschwung erlebte die Spitze aus Caudry, als Kate Middelton in einem Kleid aus Spitze von Sophie Hallette heiratete oder auch als der Film „Der große Gatsby“ mit Spitze von Solstiss ausgestattet wurde. Beide Firmen haben ihren Sitz heute in Caudry. Über 1.400 Meter Spitze wurden allein für die Ausstattung des Films verarbeitet, der in den 20er Jahren spielt – zu einer Zeit, in der die Spitze absolute Hochkonjunktur hatte.

Das Spitzenmuseum in Caudry in Frankreich - französische Spitze - The great Gatsby
The great Gatsby – Die Kleider wurden mit Spitzen aus Caudry von Solstiss genäht

 

Musée des Dentelles et Broderies – das Spitzenmuseum in Caudry

 

Die lange Textilgeschichte der Stadt wird im Musée des Dentelles et Broderies sehr lebendig. Während in Calais das Hauptaugenmerk auf die Geschichte der Spitze gelegt wird, steht hier die Produktion der Spitze ganz im Vordergrund. In der ehemaligen Spitzenfabrik von Théophile und Jean-Baptiste Carpentier befindet sich heute das Spitzenmuseum.

Das Spitzenmuseum in Caudry in Frankreich - französische Spitze
Das Spitzenmuseum in Caudry in einer ehemaligen Spitzenfirma

 

Das Spitzenmuseum in Caudry in Frankreich - französische Spitze
Der Eingang zum Spitzenmuseum Caudry

 

Ergänzt werden die Hallen durch einen gelungen Anbau. Der Bau schlägt somit, ganz ähnlich wie auch das Museum in Calais, eine schöne und gelungene Verbindung von der alten Textilgeschichte bis in die Gegenwart und trägt so zur Bewahrung der eigenen Geschichte bei.

Das Spitzenmuseum in Caudry in Frankreich - Maschinen zur Herstellung der französischen Spitze
Alte Leavers-Maschinen im Museum werden mit Lochkarten gesteuert

Die Ausstellung im Spitzenmuseum Caudry

 

Das Spitzenmuseum in Caudry präsentiert eine sehr große Sammlung von Maschinen rund um die Spitze, die alle noch funktionstüchtig sind und auch gezeigt werden. Es stellt die gesamte Produktionslinie der Spitze in der kleinen Stadt im Norden Frankreichs nach.

Ein ehemaliger Tulliste (Hersteller der Spitze) erklärt sehr anschaulich die Maschinen, so ist es auch kein Problem, wenn die Führungen auf Französisch sind. Besonders faszinierend sind die Bobinen (Spulenscheiben) und die Art und Weise, wie die Fäden dort hineingezogen werden – eine wahre Geduldsarbeit.

Das Spitzenmuseum in Caudry in Frankreich - Maschinen zur Herstellung der französischen Spitze
Einfädeln des Fadens in die Bobinen

 

Wie auch sehr schön an dem Kleid von Carry Mulligan in „Der große Gatsby“ zu sehen ist, wird die gewirkte Spitze im Nachgang oft noch reich mit Pailletten oder Glasperlen – durch ein Übernähen bzw. Aufnähen – verziert. Auch dieser Schritt, der bei den teuren Spitzen auch heute noch von Hand gemacht wird, wird im Museum vorgeführt.

 

Das Spitzenmuseum in Caudry in Frankreich - Maschinen zur Herstellung der französischen Spitze
Die Spitze wird im Nachgang mit Pailletten oder Kordeln verziert

 

Ein Film über die Geschichte der Spitze (auch in Englisch) sowie wechselnde Sonderausstellungen ergänzen die Vorführungen. In wechselnden Sonderausstellung können Sie die aktuell  in Caudry hergestellten Spitze bewundern.

 

Das Spitzenmuseum in Caudry in Frankreich - französische Spitze
Französische Spitze

Werfen Sie unbedingt einen Blick in den kleinen Shop. Neben Spitzen aus Caudry finden Sie hier auch ein Buch über die Spitzen, die bei „Der große Gatsby“ Verwendung fanden.

 

Und wenn Sie neugierig geworden sind, und wissen möchten, wo heute noch Spitzen produziert werden, empfehlen wir Ihnen einen Spaziergang durch die kleine Stadt. Halten Sie die Ohren offen und dann erkennen Sie die Firmen am Rattern der Maschinen. Bei unserem Rundgang haben wir unter anderem Sophie Hallette und Solstiss entdeckt.

Das Spitzenmuseum in Caudry in Frankreich - französische Spitze
Sophie Hallette

 

Wo?

 

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sehr interessant und schön geschrieben 🙂

toller Beitrag, Klasse

Ein sehr interessanter Beitrag!


 

Französische Spitze im Musée des Dentelles et Broderies – dem Spitzenmuseum in Caudry
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2 Gedanken zu „Französische Spitze im Musée des Dentelles et Broderies – dem Spitzenmuseum in Caudry

  • 11. April 2018 um 7:35
    Permalink

    Sehr interressant. Werde ich bei der nächsten Gelegenheit versuchen das Museum zu besichtigen.

    • 12. April 2018 um 7:55
      Permalink

      Dankeschön und ja, es ist auf jeden Fall einen Besuch wert 🙂

Kommentare sind geschlossen.