Im Kunstgewerbemuseum im Pillnitz, dass zu den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden gehört, ist bis zum 07.11.2021 die Ausstellung Nouveautés – Kunstschule und Spitzenindustrie in Plauen zu sehen. Die Ausstellung entstand in Zusammenarbeit mit dem Vogtlandmuseum Plauen. Wir geben im Blogpost einen Einblick in die Ausstellung über Plauener Spitze.

Ausstellung über die Kunstschule und Plauener Spitze - Nouveautes -  Kunstgewerbemuseum im Schloss Pillnitz, Dresden
Nouveautes – Ausstellung im Kunstgewerbemuseum im Schloss Pillnitz

Ausstellung im Kunstgewerbemuseum Pillnitz „Nouveautés – Kunstschule und Spitzenindustrie in Plauen“

Direkt an der Elbe im wunderschönen Pillnitzer Schloss befindet sich das Kunstgewerbemuseum. Im Wasserpalais des Schlosses widmet sich bis November eine Ausstellung der Kunstschule Plauen, der Spitzenindustrie und der Plauener Spitze. Ein würdiger Ort für das zarte und exklusive Textil.

Ausstellung über die Bedeutung der Plauener Kunstschule - "Nouveautes" - moderne Entwürfe Spitze und Stickerei - im Kunstgewerbemuseum Schloss Pillnitz - SKD Dresden
Ein roter Teppich für die Spitze

Über die Kunstschule Plauen (1877-1945)

Wie für jeden Zweig in Industrie und Handwerk, war auch für die Spitzenproduktion in Plauen die Ausbildung des Nachwuchses von enormer Bedeutung. Für die Fertigung der Spitze brauchte man sowohl technisch versierte aber auch künstlerisch begabte Fachkräfte. Um die Ausbildung sicher zu stellen, gründete man 1877 die Kunstschule. So konnte man direkt in Plauen zum Beispiel Musterzeichner aber auch Techniker bedarfsgerecht ausbilden.

Nouveautes - Ausstellung über die Plauener Kunstschule, Spitzenindustrie und textile Entwürfe im Kunstgewerbemuseum im Schloss Pillnitz
Blick auf eine Klasse der Kunstschule

Die angebotenen Kurse waren vielfältig und weit über die Grenzen des Vogtlands hinaus bekannt. An die Kunstschule war fast von Beginn an eine reichhaltige Vorbildersammlung angeschlossen. 1891 wurde sie durch eine kunstgewerbliche und textiltechnische Bibliothek, durch ein Textilmuseum sowie eine Tapetensammlung ergänzt. Man war äußerst vielfältig aufgestellt und unterrichtetet nicht nur in Plauen, sondern auch in Auerbach, Oelsnitz, Eibenstock und Falkenstein – eben genau an den Orten, wo die Berufsbilder auch nachgefragt waren.

Ergänzend zu den drei Hauptabteilungen Musterzeichnerschule, Web- und Maschinenstickschule sowie Fabrikanten- und Frauenarbeitsschule kam in den 30er Jahre noch eine Modeschule hinzu. Ein jähes Ende fand die Schule in den letzten Kriegsmonaten. Wie zahlreiche andere Häuser in Plauen fiel die in der Nähe des Bahnhofs ansässige Kunstschule den Bomben der letzten Kriegstage zum Opfer.

Vom Entwurf bis zur Plauener Spitze

Viel konnte aus den Trümmern nicht gerettet werden. Umso erstaunlicher ist die aktuelle Ausstellung über Entwürfe für Plauener Spitze, die als Gemeinschaftsprojekt zwischen dem Vogtlandmuseum Plauen und dem Kunstgewerbemuseum der SKD entstanden ist. Sie ist unter dem Titel Nouveautés – Kunstschule und Spitzenindustrie in Plauen in beiden Museen zu sehen. Nachdem coronabedingt verkürzten Zeitraum im Vogtlandmuseum ist sie nun in Pillnitz zu sehen. Vielleicht kann sie danach noch einmal nach Plauen zurückkehren. Wünschenswert wäre es auf jeden Fall, den viele der Objekte werden erstmals der Öffentlichkeit präsentiert.

Erstmals wird die Kunstschule ausführlich und detailreich beleuchtet. In den Sammlungen beider Museen schlummerten wahre Schätze, die in dem gemeinsamen Projekt gehoben wurden. Anhand von 120 Exponaten wird die stilistische Entwicklung der Plauener Spitze mit der Kunstschule verknüpft. Die wie auf einem Zeitstrahl aufgebaute Ausstellung verdeutlicht die Kreativität der Plauener Einrichtung und zeigt, welches Potential die Schule hatte. Es gab Verbindungen zum Werkbund und zum Bauhaus. Künstler wie Paul Klee oder Wassily Kandinsky gaben sich die Klinke in die Hand.

Ausstellung über Plauener Spitze - Nouveautes - im Kunstgewerbemuseum im Schloss Pillnitz

Die Ausstellung zeigt teilweise noch nie aus den Archiven geholte Musterungen. Zahlreiche Entwürfe beweisen, wie modern und vielfältig die Plauener Spitze war und ist. Besonders interessant ist ein früher Film, der die Arbeit in der Kunstschule zeigt. Ein absolut spannendes Zeitdokument.

Die zeitliche Einordnung der Ausstellung folgt der Reihenfolge der Direktoren der Schule. 

Nouveautes - Ausstellung im Kunstgewerbemuseum Pillnitz - Staatliche Kunstsammlungen Dresden - Kunstschule und Spitzenindustrie
Umgesetzter Entwurf – Plauener Spitze auf blauem Grund

Gestaltung im Industrial Design

Besonders gelungen ist die Ausstellungsgestaltung, für die das Team von Anschlaege.de verantwortlich war. Sie verbinden gelungen die zarte Spitze mit zeitgemäßem industrial Design. Plauener Spitze war und ist, trotz der vielen Handarbeitsschritte, die auch heute noch notwendig sind, ein auch maschinell hergestelltes Produkt. Ohne die einstige Industrialisierung wären die Erfolge des exklusiven Produkts Plauener Spitze undenkbar gewesen. Diese Reminiszenz stellt die Ausstellungsgestaltung eindrucksvoll her. Immer wieder zieht sich der blaue Grundton durch die Ausstellung. Er findet seinen Ursprung in den Mustermappen der Spitzenindustrie.

Nouveautes - Ausstellung über Plauener Spitze - Bedeutung der Kunstschule Plauen für die Spitzenindustrie Pillnitz

Nicht ganz so gelungen ist die Ausleuchtung der Objekte. Einige der zarten Spitzen verschwinden leider in viel zu dunklen Räumen.

Von der Vergangenheit zur Gegenwart

Die Ausstellung in Pillnitz wird durch drei zeitgenössische Werke ergänzt.

Joy Buttress aus Nottingham nahm Ornamentstudien der Kunstschule als Inspirationsquelle für Applikationen und Stickereien auf Latexhandschuhen.

Nouveautes - Exklusive Entwürfe mit Spitze - neu gestaltet für die Ausstellung im Schloss Pillnitz

Des weiteren ist die Serie ZWISCHEN_RÄUMEN der Textildesignerin Magdalena Sophie Orland zu sehen. Eigens für die Ausstellung wurde aus ihrer Interpretation von Spitze von der Modedesignerin Susanne Ostwald ein Hochzeitskleid kreiert.


„Die Verwandlung“ von Plauener Spitze im Gelben Teezimmer

Eine dritte Designposition kann man im gelben Teezimmer bestaunen. Hermann August Weizenegger (HAW) entwarf ein Spitzenmodul unter dem Arbeitstitel „Die Verwandlung“, aus dem Lampenschirme eines Leuchters, eine Tischdecke sowie ein Poncho entstanden sind. Alles fügt sich stimmungsvoll in das Teezimmer ein.

Plauener Spitze by Modespitze Plauen - Umsetzung Entwürfe HA Weizenegger Berlin für SKD Dresden
„Die Verwandlung“ von Plauener Spitze – Entwurf und Umsetzung durch HA Weizenegger an drei Objekten im Gelben Teezimmer – Kunstgewerbemuseum Wasserschloss Pillnitz
Leuchter mit zweifach gewölbter Ausformung der gestickten Guipure Spitze

Und es freut uns besonders, dass der Grundentwurf bei Modespitze digitalisiert und dann in Maschinen- und Handstickerei umgesetzt wurde. Ein besonderes Ziel der Umsetzung des Entwurfs war das Ausloten der technischen Möglichkeiten der Stickerei beim Fertigen gestickter Guipure-Spitze: das Erreichen einer möglichst hohen Auflösung im Detail (durch maximale Garnfeinheit) bei zugleich sehr hoher Plastizität in der Höhe (bis zu 12 Garnlayer in Abstufungen). Das Modul musste sich zudem partiell Aufschneiden und dreidimensional geformt Aufklappen lassen, hat einen besonders großen Rapport, welcher wiederum in Handstickerei nochmal verdoppelt wird. Die Umsetzung des Entwurfs vereint so alle Herausforderungen bei der Fertigung von Guipure.

„Die Verwandlung“ – Umsetzung als gestickter Guipure Poncho in dreidimensionaler Ausführung

Die enge Zusammenarbeit bei der Entwicklung des Spitzenmoduls war sehr bereichernd, spannend und konstruktiv. Genau einen solchen Austausch zwischen Design und Spitzenindustrie strebte einst auch die Kunstschule an. Ein kurzes Video im Teezimmer gibt einen zusätzlichen Einblick in den Entstehungsprozess von „Die Verwandlung“.

So kann man nicht nur in die Geschichte der Spitze eintauchen, sondern man sieht auch, dass Spitze immer noch aktuell ist und nichts an Strahlkraft verloren hat. Es bleibt zu hoffen, dass diese Ausstellung, die durch eine gemeinsame Forschungsarbeit entstanden ist, eine Fortsetzung findet, denn über die traditionsreichen Geschichte der gestickten Spitze gibt es noch viel zu erforschen und zu berichten. 

Katalog zur Ausstellung über Plauener Spitze in Pillnitz

Außerdem ist zur Ausstellung ein sehr lohnenswerter Katalog erschienen. Und das schreibe ich nicht nur, weil ich als Co-Autorin einen Beitrag zur Geschichte der Modespitze beitragen durfte. Es ist ein gelungenes Buch, das sich auf profunde Weise mit der Plauener Spitze, ihrer Geschichte und der Bedeutung in der Stadt anhand der Kunstschule auseinandersetzt. Der Katalog ist im Sandstein Verlag erschienen und kostet 24 €. Leider gab es den Katalog zum Zeitpunkt unseres Ausstellungsbesuchs nicht vor Ort, aber beim Verlag kann man ihn als Erinnerung an die Ausstellung bestellen. Wir hoffen, dass er bald auch wieder im Museumsshop von Schloss Pillnitz erhältlich sein wird.

Katalog zur Ausstellung über Plauener Spitze Nouveautes (Neuheiten) - Kunstschule und Spitzenindustrie
Der gelungene Katalog zur Ausstellung Nouveautés – Kunstschule und Spitzenindustrie Plauen – Kunstgewerbemuseum

Weitere Informationen zur Ausstellung gibt es auf der Seite der SKD, die voraussichtlich noch bis zum 07.11.2021 zu sehen sein wird.

Schloss und Park Pillnitz

Vor oder nach der Ausstellung laden Schloss und Park Pillnitz zu einem Spaziergang ein. Außerdem kann man von hier bequem mit dem Dampfer bis nach Dresden fahren.

Schloss und Park Pillnitz bei Dresden
Blick auf das Wasserpalais, in dem die Ausstellung zu sehen ist

Weitere Ausstellungen, die sich mit Spitze beschäftigen, finden Sie im Punkt Spitzeninspiration – Museen und Ausstellungen.


Transparenzhinweis: Wir haben den Eintritt in die Ausstellung selbst bezahlt und geben unsere eigene Meinung wieder.

„Nouveautés – Kunstschule und Spitzenindustrie in Plauen“ Ausstellung über Plauener Spitze und Entwürfe im Kunstgewerbemuseum in Pillnitz
Markiert in:             

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.