Liebe Leser, begleiten Sie uns heute auf einen Ausflug nach Zeitz, in den südlichen Zipfel von Sachsen-Anhalt. Zeitz ist nicht nur die Heimat der deutschen Kinderwagenindustrie, sondern auch meine Geburtsstadt, weswegen mir die Recherche zum Beitrag auch besonders viel Freude gemacht hat. In keiner anderen Stadt gab es Ende des 19. Jahrhunderts eine so große Konzentration an Kinderwagenherstellern. Grund genug, dass der Zeitzer Heimatverein gegen 1930 anfing, Kinderwagen zu sammeln und später auch der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.
Seit Ende 2016 erstrahlt der erste Teil der umfassenden Ausstellung im Schloss Moritzburg in neuem Glanz. Aktuell werden die Anfänge bis zum zweiten Weltkrieges beleuchtet, die weiteren Jahre folgen bald.

Die Wiege der deutschen Kinderwagenproduktion

 

Ernst Albert Naether – der Erfinder des Kinderwagens

 

Besonders im Fokus steht dabei die Geschichte der Fima Naether, des ersten Produzenten für Kinderwagen in Zeitz. Etwa zeitgleich arbeiten in England Charles Burton und in Zeitz Ernst Albert Naether an Gefährten zum Transport von Kindern. Auch wenn Burton schneller war mit einer Patentanmeldung, so ist dass, was wir heute als Kinderwagen kennen, das Verdienst von Naether. Der „Perambulator“ von Burton erinnerte mehr an eine offene Kutsche im Kleinformat und die Kinder mussten darin aufrecht sitzen – so war er für Säuglinge eher nicht geeignet.

Der Zeitzer Stellmacher Naether präsentierte hingegen einen „Ziehwagen für Säuglinge“. Auf ein wagenähnliches Untergestell brachte er einen Korb mit einem festen Verdeck an, in denen die Babys liegen konnten und erst gezogen, später geschoben wurden. Mit dieser, eigentlich naheliegenden Idee begründete Naether die Kinderwagenindustrie in Zeitz.

Auf zur Ausstellung ins Schloß Moritzburg

Zu Besuch im Kinderwagenmuseum in Zeitz

Seine Firma entwickelte sich rasant zum größten Kinderwagenhersteller Deutschlands mit bis zu 1.700 Mitarbeitern. Andere Produzenten und vor allem auch Zulieferer wurden durch den Erfolg angezogen.

Ein Kinderwagen mit einem Vorhang aus Tüllspitze aus den Anfängen der Kinderwagenproduktion

Mehr als 20 Firmen produzierten hier bis in die 40er Jahre des 20. Jahrhunderts Kinderwagen. So wurde das kleine Städtchen Zeitz das Zentrum der deutschen Kinderwagenproduktion. Deren Geschichte wird im Deutschen Kinderwagenmuseum in Schloss Moritzburg erzählt.

Ausstellung über die Geschichte der Kinderwagen in Schloss Moritzburg in Zeitz

Nach der Umgestaltung erstrahlt die Ausstellung im multimedialen Glanz. Anhand der Firmengeschichte von Naether erfährt man viel Wissenswertes über die Kinderwagen von einst. Der geneigte Besucher kann sich durch einen digitalisierten Katalog der Firma von 1926 blättern, der zahlreiche Varianten zeigt.

Blick in einen Katalog aus dem Jahr 1926

 

Welcher Wagen soll es sein?

Die Auswahl an Materialien und Zusätzen ist absolut erstaunlich und erinnert ein wenig an die Bestellung eines neuen Autos. Mit Rüschen oder ohne, aus Leder oder Stoff, mit einem kleinen Vorhang aus Spitze oder nur Borte, ein Korb aus Rohrgeflecht oder Holz, große Räder, kleine Räder, sollte das Untergestell lackiert werden oder nicht – von Anfang an war die Auswahl sehr groß und ließ kaum Wünsche offen.

Welches Gestell darf es sein?

So ist ein Ausstellungsraum den zahlreichen Zulieferern gewidmet. Man kann die Räder und Gestelle aber auch die unterschiedlichen Dekostoffe und Borten bewundern.

Spitzen und Borten für die Kinderwagen

 

Kinderwagen aus den vergangenen Jahrzehnten

In den großzügigen Ausstellungsräumen werden die zahlreichen Kinderwagen, teils in Glasvitrinen, teils offen, gezeigt. Besonders gelungen finde ich die große Glasvitrine in der die Kinderwagen zeitlich eingeordnet werden. Da schlägt mein kleines Retroherz gleich schneller. Bei all den Kinderwagen kann ich mich gar nicht entscheiden, welcher schöner ist.

Die Kinderwagen der 40er Jahre,
Von Zeitz in die Welt

Die Ausstellung macht deutlich, dass auch der Kinderwagen stark dem Zeitgeist unterliegt. Die Kinderwagen der 50er Jahre waren zum Beispiel stark vom Automobilbau beeinflusst. Sie hatten Zierleisten, Kotflügel und Radblenden, sogar Rücklichter gab es an einigen Modellen.

Kinderwagen als kleine Autos

Apropos Auto: hätten Sie gewusst, dass man früher ein Nummernschild für die Kinderwagen benötigte?

Hätten Sie es gewußt?

Litfaßsäulen mit informativen Hintergrundinformationen lockern die Raumgestaltung optisch auf. Ergänzt wird die Schau durch zahlreiche Fotos, Kataloge, Filme und sogar Babysachen.

Vintage-Babysachen mit Spitzenbesatz

Und wer sich im Wickeln einer Babypuppe versuchen möchte, bekommt hier ebenfalls die Gelegenheit dazu.
Die Geschichte des Kinderwagens und seine Entwicklung werden im Zeitzer Kinderwagenmuseum lebendig. Die Ausstellung ist auf jeden Fall einen Besuch wert und vor allem ist sie absolut familientauglich. Von jung bis alt kommt hier jeder auf seine Kosten.

Auch Fotos lockern die Ausstellung auf
Blick in einen Katalog aus den 80er Jahren

 

Kinderwagengeschichte bis in die Gegenwart

Die aktuelle Ausstellung wird noch um die Entwicklung nach dem zweiten Weltkrieg ergänzt. Die Kinderwagenfirmen in Zeitz wurden enteignet und zum VEB Zekiwa (Zeitzer Kinderwagen) zusammengeführt. Mit über 2.000 Mitarbeitern entstand Europas größte Kinderwagenfabrik.

Ein trauriger Anblick – die ehemaligen Fabrikgebäude von Zekiwa

Heute ist von der Produktion in Zeitz nichts mehr übrig. Auch wenn es noch eine kleine GmbH gibt, die unter dem Namen Zekiwa Kinderwagen entwickelt und vertreibt, erfolgt die Produktion nicht mehr hier. Von der Kinderwagenproduktion zeugen in Zeitz nur noch die alten Fabrikruinen der markanten Klinkergebäude und die ausgestellten Stücke im Museum.

Ein Besuch im Museum Schloß Moritzburg ist sehr lohnenswert

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Die Wiege der deutschen Kinderwagenproduktion
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